Heinz Schaber, Rentner, früher bei Nestlé Verkaufsleiter für Süddeutschland, jetzt ehrenamtlicher Sprachlehrer für Migrantenkinder

(Der agile Seniorenresidenzbewohner ist mit seiner Frau am Container erschienen. Ganz mutig lässt sie ihren Rollator stehen und erkundet das Innere des schrägen Containers, fühlt sich aber nach einer Weile nicht mehr wohl und überlässt das Interview ihrem Mann, während sie draußen wartet.)

Bei einem Japantrip vor vielen Jahren hatten wir einen sehr netten Fremdenführer, für den wir als Reisegruppe 500 Euro Trinkgeld gesammelt hatten. In Japan ist es aber nicht üblich, Trinkgeld anzunehmen. Wenn Sie auf dem Hotelzimmer Geld für das Zimmermädchen hinterlassen, erhalten Sie den Betrag als Fundsache zurück. Unser Fremdenführer, Ito-San hieß er, bat uns, die 500 Euro nicht ihm zu geben, sondern an Waisenkinder in Kambodscha zu spenden. Diese Kinder hatten gegen Ende der Pol-Pot-Zeit auf grausamste Weise ihre Eltern verloren. Oft hatten sie zusehen müssen, wie Mutter und Vater zu Tode gefoltert wurden, manchmal zwang man die Kleinen sogar zum Applaudieren. Ito-San hat sich um mehrere dieser Kinder gekümmert, wir waren aber zunächst misstrauisch, weil wir nicht sicher waren, ob das Geld auch bei den Waisen ankommt. 

Später haben wir uns aber doch bereit erklärt, für mehrere Kinder die Patenschaft zu übernehmen. Zehn Euro im Monat reichen aus, damit ein Mädchen oder Bub in Kambodscha die Schule besuchen kann. Wir hatten dann fünf Patenkinder. Bis heute sind wir in Kontakt mit ihnen. Alle haben studiert, eine ist Hebamme geworden, eine andere Landwirtschaftsingenieurin, einer ist Arzt und kümmert sich um Kinder in Grenzgebieten. Unsere Patenkinder nennen uns „Mom” und „Dad”, einige von ihnen haben inzwischen selbst schon Kinder, die wir quasi als unsere Enkel ansehen. Einige Bekannte wundern sich nur, warum unsere Enkelkinder auf so exotische Namen hören. 

Wir sind aus Grötzingen bei Karlsruhe nach Ulm gezogen. Dort bin ich Nachhilfelehrer gewesen und habe jetzt wieder angefangen zu unterrichten. Es ist nicht mein Ding, am Freitag mit Fähnchen zu demonstrieren, ich will lieber wirklich aktiv werden. Es muss doch den Leuten klar sein, dass ein Elektroauto in der Herstellung mindestens so viel Energie verbraucht, wie es angeblich einsparen soll. Und wenn unser Deutschländle die Nr. 1 in Sachen E-Mobilität werden will – nun ja, geredet wird viel. Ich und meine Frau tun lieber etwas, und dann wurde etwas getan. Aber das Gerede von „Unruhestand” ist dummes Geschwätz. Von Karlsruhe hat es mich nach einem Schlaganfall mit nächtlicher Not-OP hierher verschlagen. Und ich habe beschlossen, nochmal loszugehen. 

Früher bei Nestlé hatte ich sehr gute Chefs, und es stimmt einfach nicht, dass Nestlé die Umwelt zerstört oder den Nahrungsmitteln künstliche Stoffe zusetzt. Nestlé-Produkte waren unser erstes richtiges Essen, das nach dem Krieg auf den Tisch kam. Mit 60 wurde ich in Rente geschickt, damals ist hier noch die Reichsbahn mit Dampfzügen gefahren. Es war zwar nicht mein Kindheitstraum, einmal Lokführer zu werden, ich habe dann aber trotzdem die Ausbildung als Dampfzugführer abgeschlossen und verschiedene Firmen mit Rohstoffen und anderen Gütern beliefert, zum Beispiel Uhrenhersteller in Pforzheim. Dort habe ich mich dann zu einem Kurs in der Uhrmacherschule angemeldet. Die wollten mich erst nicht nehmen, weil der Unterricht schon zwei Tage lief. Der Kursleiter hat mir einen kaputten mechanischen Wecker mit nach Hause gegeben. Über Nacht habe ich den gerichtet und am nächsten Tag erfahren, dass der Hersteller selbst diesen Wecker als angeblich „unreparierbar” abgegeben hatte. Damit war ich im Kurs aufgenommen und habe mit 70 Jahren eine Uhrmacherlehre absolviert. Im technischen Museum in Pforzheim habe ich an vielen raffinierten Exponaten gearbeitet, zum Beispiel an einer Galilei-Uhr, deren Pendel mit unterschiedlicher Amplitude, aber immer in der gleichen Zeit schwingt. 

Jetzt betreue ich wieder Kinder – alle mit Migrationshintergrund – wobei die kleinen Russen am frechsten sind, oft muss ich einen hinausschicken. Die Vorschriften sind strenger geworden, es müssen immer zwei Lehrer im Raum sein, und das Sprachenlernen funktioniert jetzt digital, die Kinder bekommen animierte Bilder aufs Tablet gespielt und die deutschen Vokabeln dazu vorgesprochen.

Selbst habe ich ein Buch verfasst über Zeit und Zeitmessung. Was ist Zeit? Sie wird je nach Situation sehr unterschiedlich wahrgenommen. Fünf Minuten können sehr lang oder sehr kurz sein, je nachdem, auf welcher Seite der Klotür man sich befindet. Die Zeitumstellung ist vollkommen überholt. Unsere mitteleuropäische Zeitzone beginnt in Görlitz und endet in Greenwich, aber in Wirklichkeit sprechen wir von einer mittleren mitteleuropäischen Zeit. Mittag ist immer dort, wo die Sonne am höchsten Punkt steht, da die Sonne allein die Tageszeit reguliert. Auch Ihren Container könnte man als Sonnenuhr verwenden, dazu müsste man nur die richtigen Markierungen am Boden anbringen.

Aus Statussymbolen mache ich mir nichts – ich brauche kein Flugzeug und keine Yacht, und ins Weishaupt-Museum gehe ich auch nicht mehr. Dort wird ein Haufen Bauschutt ausgestellt und zur Kunst erklärt, da fühle ich mich veralbert. Kunst kommt ja bekanntlich vom Können und nicht vom Wollen, sonst würde sie Wulst heißen. Ein Uhrmacher muss oft einen zehntel oder einen hundertstel Millimeter bearbeiten, das ist wirkliches Können. Kunst muss sich anstrengen, damit sie verstanden wird. Ihr Container ist Kunst, weil dort was passiert. 

Allgemein wünsche ich mir, dass weniger Lärm gemacht, sondern den Menschen geholfen wird, die es notwendig haben. So, wie meine Frau und ich das seit vielen Jahren praktizieren. 

Martina Vodermayer