Ülkü Arici, Zahnmedizinische Fachangestellte, 34 Jahre
Diskriminierung ist etwas, das mich selbst eher weniger betrifft, aber sehr belastet. Ich bin in Deutschland geboren und aufgewachsen, erlebe aber oft, wie Migranten abgestempelt werden. Die Leute müssten viel lockerer und weniger negativ werden, sie sollten andere weniger verurteilen. Früher habe ich in einem Altenheim gearbeitet und viele negative Sichtweisen mitbekommen.
Auch Kinder sollten so leben können, wie sie wollen. Es passieren immer wieder schlimme Dinge, neulich wurde in Berlin ein Kind vom Spielplatz entführt, die Mutter hatte sich nur kurz unterhalten und nicht nach ihm geschaut. Deutschland ist ja ansonsten sicher, aber die Eltern passen oft zuwenig auf. Ich habe meine Kinder immer im Auge. Der Nachteil bei überbehüteten Kindern ist natürlich oft, dass sie zu klammern anfangen und lange nicht selbstständig werden. Wir sind von München nach Laupheim raus gezogen und haben hier ein Haus gebaut, aber trotzdem habe ich immer Angst um meine Kinder.
Vor sieben Jahren ist meine Tante an Krebs gestorben, vielleicht rührt meine Verlustangst von daher. Ich telefoniere jeden Tag mit meinen Eltern und Geschwistern, ich bin ein totaler Familienmensch. Nur wenn ich total abgelenkt bin, denke ich an mich. Mein Traum wäre es, abzunehmen, alle anderen Träume habe ich mir schon erfüllt, mit Haus, Urlaub und allem.
Kinder sollten mehr Freiheiten im Leben haben und sich nicht ständig rechtfertigen müssen. Durch Corona ist alles noch schlimmer geworden, in der Öffentlichkeit traue ich mich nicht mal mehr zu niesen. Jeder kann eine Meinung haben, sollte aber wissen, wann er sie besser für sich behält, um andere nicht zu kränken.
Durch Corona ist unsere ganze Situation zuhause sehr angespannt, wir haben kein geregeltes Leben mehr, unsere Kinder durften lange nicht zur Schule oder in den Kindergarten gehen. Ich werde jetzt auch schnell mal laut, mir wird alles zu viel. Die gesamte Last liegt bei den Eltern, als Türkin darf ich dieses Jahr nicht in die Türkei reisen. Ich will einfach raus, meine Kinder einpacken und irgendwohin reisen.
Corona belastet die Psyche genauso wie die Wirtschaft, mir kommt es manchmal so vor, als hätten einige Unternehmen darauf gewartet – nun haben sie einen Grund, um Personal einzusparen und viele Mitarbeiter zu entlassen. Zahlreiche Firmen schließen, sogar BMW kündigt Angestellten, obwohl Aufträge vorhanden sind. Einer meiner Bekannten arbeitet bei BMW.
Corona müsste schleunigst weg. Die Wirtschaft könnte in Zukunft vielleicht durch mehr Teilzeitarbeit besser funktionieren. Leute sollten flexibler und in Schichten arbeiten können, auch für Ältere sollte es Möglichkeiten geben, natürlich nur mit leichteren Arbeiten. Es wäre schlimm, wenn 80-Jährige an der Supermarktkasse sitzen müssten, um sich das Leben in München leisten zu können. In Laupheim haben wir es zum Glück besser, hier ist alles viel günstiger als in der Großstadt.
In Tuttlingen hab ich mal was Schönes gesehen, das wäre auch so ein Traum von mir: ein Laden, wo man tagsüber jederzeit seine Kinder zur Betreuung hinbringen kann. Kinder fordern viel und sind undankbar geworden. Schuhe für 200 Euro sind heute selbstverständlich, es ist eine Art Zwang in der Gesellschaft. Kinder können sich nicht mehr so gut selbst beschäftigen, sie sind sehr schnell gelangweilt. Mit meinen Kindern spiele ich auch öfters mal Stadt-Land-Fluss, sie dürfen nicht immer an die Playstation, ich schicke sie auch regelmäßig raus. Auf unseren Straßen ist wenig Verkehr, es gibt einen Fußballplatz und Pferde in der Nähe. Meine Kinder sind viel unterwegs, sie werden nicht ständige bespaßt und müssen sich auch still beschäftigen. Meine Tochter fängt mit vier Jahren schon an zu schreiben und Englisch zu sprechen. Sie ist sehr selbstbewusst und verhaut ihren großen Bruder. Mein Sohn ist in den Ferien immer bei den Großeltern in München. Da gibt es dann viel Halligalli, wir sind eine große Familie und hatten vor Corona fast jedes Wochenende ein anderes Fest, hier Hochzeit, da Geburtstag.
Ich finde aber auch, Kinder sollten Kinder sein und in ihrer eigenen Welt leben dürfen. Sie mischen sich heute zu oft in die Gespräche der Erwachsenen ein. Vielleicht, weil die Eltern alles vor ihnen leben, sich streiten, Probleme diskutieren, und so weiter. Der Bezug zu meinen Kindern ist mir dennoch wichtig. Als moderne Muslimin möchte ich meinen Kindern unsere Kultur vermitteln. Ich lege viel Wert auf engen Kontakt zu meiner Tochter und meinem Sohn. Geld ist nicht alles, wenn ich von der Arbeit heimkomme und meine Kinder mich anlachen, vergesse ich sämtliche Alltagssorgen. Mein Sohn ist jetzt 13 und hat es nicht nötig, in der Schule anzugeben. Obwohl wir gut leben, hat er sich diese Bescheidenheit angewöhnt.