Tülay Özbek, Marketing-Studentin, 21 Jahre

Ich bin gerne hoch oben und schaue, wie klein wir Menschen dann da unten sind. An dieser Dimension sieht man, dass wir gar nicht sooo wichtig sind, wie wir uns immer nehmen.

Meine Utopie?

Schon als Kind war ich eine kleine Feministin. Nicht, um die Frauen über die Männer zu stellen, sondern um Gleichheit herzustellen.

Ich bin ohne Mutter aufgewachsen. Mein Vater hat mich in dem Sinn erzogen, dass alle Menschen gleich viel wert sind. Und dass wir darüber hinaus auch die Tiere als wertvoll achten. Jedes Tier hat ein Schmerzempfinden wie der Mensch, es hat Organe. Nur weil es nicht dieselbe Sprache spricht wie wir, heißt das nicht, dass es weniger wert ist. Genauso ist das bei den Menschen. Nur weil jemand andere Geschlechtsorgane hat oder eine andere Sprache spricht, heißt das nicht, dass er nicht ebenso wichtig wäre.

Feminismus fasse sich so auf, dass er Gleichheit für alle bedeutet. Das schließt Anti-Rassismus mit ein. In dieser Beziehung hat mich eine Kinderfreundschaft geprägt. Ich hatte eine dunkelhäutige Freundin und bekam oft mit, wie sie von anderen Kindern wegen ihrer Hautfarbe geringschätzig behandelt wurde. Ab da machte ich mir Gedanken, warum das so ist, warum es Mobbing sogar bei Kindern gibt.

 Mein Vater wollte etwas anderes weitervermitteln, als das, was er von seinem eigenen Vater mitbekommen hat. Für einen türkischen Vater ist das sehr ungewöhnlich, dass er mir das alles beigebracht hat. Viel eher würde man erwarten, dass Mädchen nicht so frei erzogen werden und ihnen nahe gebracht wird, wie sie sich zu verhalten haben, und was sie alles nicht dürfen. Ich habe also etwas ganz anderes mitbekommen als meine türkischen Freundinnen.

Ich bin auch für die Gleichstellung der Männer in der Gesellschaft. Auch sie müssen so vielen zwanghaften Konventionen folgen.

Wenn du als Türkin in Deutschland aufwächst, hast du zwei Kulturen, denen du angehören kannst. Die Kunst besteht darin, keine der beiden auszunehmen, sondern sie so zu kombinieren, dass etwas vielfältiges Neues entsteht. Etwas schöneres als die beiden Kulturen einzeln. Eine Utopie, die übertragbar wäre.

Wir sind ein sehr offenes Land. Viele Deutschen verpassen es, die Kultur derer zu sehen, die ins Land kommen, und die, die kommen, separieren sich und interessieren sich nicht für die deutsche Kultur. Von beiden Seiten zu lernen, fällt vielen Menschen noch schwer. Die Offenheit, Neues zu sehen, fehlt in unserer Gesellschaft.

Ich würde sie mir wünschen.

Die Leue haben vor so vielem Angst, vor Homosexualität, vor Schwarzen, vor den Ausländern, Hitler von den Juden. Angst kommt davon, dass man zu wenig weiß. Man sollte seine Meinung erst bilden, wenn man etwas über den anderen Menschen weiß. Dann hätte wir halb so viel Hass, Verständnislosigkeit. Wir sollten uns viel mehr zuhören.

Was ich ändern würde: Wenn man von etwas keine Ahnung hat, sollte man seine Meinung nicht äußern dürfen.

In den Social media tun das allerdings viele. Social media sind auch keine Lösung für die Ungleichheiten, die wir haben. Solche Probleme lösen sich nur durch  d i r e k t e  Kommunikation. Davon würde ich mir viel mehr wünschen, obwohl ich ja eigentlich viel mit Social media im Marketing-Bereich arbeite.

Wenn ich die Machtposition hätte, Großes zu bewirken, dann würde ich die Menschen dazu bewegen, mehr zu kommunizieren.

Martina Vodermayer